Erhaltungsarbeit

Erhaltungsarbeit: Von der Recherche-, Erhaltungszucht- und Vermehrungsarbeit bis hin zum Anbau und der Vermarktung alter Gemüsesorten

Die Mitglieder des SaatGut-Erhalter-Netzwerk Ost leisten mit ihrer Recherche-, Erhaltungszucht- und Vermehrungsarbeit sowie dem Anbau einen wichtigen Beitrag zum Erhalt alter Gemüsesorten.

Hier erklären wir euch, wie die Arbeit des Netzwerks von der historischen Datenrecherche bis hin zur Vermarktung alter Gemüsesorten funktioniert, welche Aufgaben durch die Samenbau- und Gemüsebau-Betriebe übernommen werden und wie die Betriebe miteinander vernetzt sind.

Das SaatGut-Erhalter-Netzwerk Ost erhält insgesamt mehrere hundert alte Gemüsesorten. Diese sind ein wesentlicher Bestandteil der Kulturpflanzenvielfalt. Die Sorten, die durch die Netzwerk-Betriebe erhalten werden, stammen aus verschiedenen Quellen. Sie wurden von verschiedenen Erhaltungsorganisationen, Nachbar*innen, aus Genbanken oder von Züchter*innen übernommen und werden zum Teil seit sehr vielen Jahren von den Netzwerk-Betrieben erhaltungszüchterisch bearbeitet, gepflegt und vermehrt. Von vielen Sorten ist dadurch erstmals wieder Saatgut außerhalb von Genbanken und Sammlungen für den Anbau im Selbstversorger- und Kleingarten oder auf Gemüsebau-Betrieben verfügbar.

Seit der Gründung des SaatGut-Erhalter-Netzwerk Ost im Jahr 2013 liegt ein besonderer Fokus auf dem Erhalt alter Gemüsesorten aus Genbankbeständen. Diese Arbeit wurde durch zwei Forschungsprojekte in Kooperation mit der HU Berlin, dem Bundessortenamt und dem Kultursaat e.V. unterstützt. Saatgut-Genbanken bewahren kleine Mengen Saatgut vieler verschiedener Kulturpflanzen auf, um die Vielfalt an Sorten als genetische Ressourcen zu erhalten und deren Aussterben zu verhindern. Diese Form des Erhalts von Kulturpflanzen wird auch „Ex-situ-Erhaltung“ genannt. Wichtigstes Ziel für die eingelagerten Saatgut-Proben ist die Erhaltung der Keimfähigkeit. Die Saatgut-Bestände werden über viele Jahre unter optimalen Bedingungen gelagert. Ein Nachbau erfolgt nur bei nachlassender Keimfähigkeit. Nachteilig bei dieser Erhaltungsform ist, dass sich die Kulturpflanzen nicht an die verändernden Bedingungen wie z.B. Klima, Böden oder Schädlinge und Krankheiten anpassen können. Daher gibt es außerdem die sogenannte „In-situ-Erhaltung“, bei der die Kulturpflanzen durch ihren regelmäßigen Anbau auf dem Acker erhalten werden und sich so nach und nach auf natürliche Weise an die vorherrschenden Umweltbedingungen anpassen können. „On-farm-Erhaltung“ bedeutet darüber hinaus, dass die Kulturpflanzen durch Betriebe selbst angebaut und auch genutzt werden.

Wie funktioniert die Erhaltungsarbeit?

Historische Datenrecherche zu alten Gemüsesorten

Zu Beginn wird in historischen Aufzeichnungen nach alten Gemüsesorten recherchiert, die heutzutage nicht mehr angebaut werden, aber aufgrund ihrer Eigenschaften vielversprechend für den heutigen und zukünftigen Gemüseanbau erscheinen.

So wurden zum Beispiel in 2012 durch die HU Berlin 21 alte Radieschen-Sorten in historischen Aufzeichnungen gefunden, die aufgrund ihrer Eigenschaften wie der besonderen Farbe (violett, gelb, zweifarbig), der Geschmacksausprägung und der Geschichte, die sie erzählen, von Interesse sind. Dazu gehören zum Beispiel die Sorten ‚Purple Plum‘, ‚Rundes Gelbes‘ und ‚Scarlet turnip white tip‘.

Samenträger einer roten Gartenmelde

Alte Gemüsesorten erschließen und aufvermehren

Anschließend wird nach einer Saatgut-Genbank gesucht, die Saatgut der ausgewählten alten Gemüsesorten auf Lager hat. Mit dem Saatgut aus der Genbank wird ein erster Sichtungsanbau durch das Bundessortenamt oder einzelne Betriebe durchgeführt und die Sorten zum Teil erstmalig mit ihren Eigenschaften beschrieben. Außerdem wird eine Aussage über den Erhaltungszustand und das Potential der Sorten für die on-farm-Erhaltung getroffen. Das Bundessortenamt unterstützte das SaatGut-Erhalter-Netzwerk Ost mit intensiven Sichtungen in zwei Forschungsprojekten. Es werden aber auch Sichtungen einzelner Sorten auf den Betrieben durchgeführt.

Positiv bewertete alte Gemüsesorten werden mit dem Saatgut aus der Genbank durch eine Erhaltungsorganisation oder einen Samenbau-Betrieb erstmalig angebaut, um das Saatgut „aufzuvermehren“. Das ist notwendig, da die Genbank immer nur sehr kleine Mengen an Saatgut nach außen geben kann. Dabei werden ca. 50 Pflanzen einer Sorte angebaut, die der reinen Saatgut-Gewinnung dienen, um damit die Menge an vorhandenem Saatgut der ausgewählten alten Gemüsesorte zu vergrößern. Bei der sogenannten Aufvermehrung des Saatguts erfolgt kaum eine Selektion der Pflanzen, von denen das Saatgut gewonnen wird.

Auch von den 21 ausgewählten alten Radieschen-Sorten wurde Saatgut aus der Saatgut-Genbank in Gatersleben bestellt und ein erster Sichtungsanbau beim Bundessortenamt durchgeführt. Der Sichtungsanbau zeigte, dass 11 der 21 Sorten vielversprechend für die on-farm Erhaltung sind.

Samenträger einer alten Radieschen-Sorte
Samenträger einer alten Gurken-Sorte

Alte Gemüsesorten erhaltungszüchterisch bearbeiten und vermehren

Anschließend werden die ausgewählten alten Gemüsesorten in die on-farm Erhaltung im SaatGut-Erhalter-Netzwerk integriert. Die Samenbau-Betriebe übernehmen einzelne Sorten in ihre Obhut und leisten die erhaltungszüchterische Bearbeitung und Saatgut-Vermehrung der jeweiligen Sorte. Ziel der Erhaltungszüchtung ist es, die sortentypischen und wertgebenden Eigenschaften der alten Sorte wieder herauszustellen und die Anbaueignung der Sorten nach und nach zu verbessern, um sie für den Anbau wieder interessant zu machen.

Im Forschungsprojekt „MuD on-farm“ wurde ein Leitfaden zur on-farm Erhaltung alter Gemüsesorten erarbeitet, der kulturspezifische und einfache Methoden der Erhaltungszüchtung und Saatgutvermehrung on-farm zeigt. Eine Übersicht über die Methoden der Erhaltungszüchtung ist hier zu finden.

Die erhaltungszüchterische Bearbeitung von alten Sorten braucht sehr viel Sorgfalt und Wissen sowie Zeit und Engagement der Erhalter*innen. Oftmals sind Selektionen über mehrere Generationen nötig, um die sortentypischen Merkmale und Eigenschaften einer alten Sorte aus der Genbank wieder herauszuarbeiten und sie in einen guten Erhaltungszustand zu bringen, so dass sie im Anbau im Selbstversorger- oder Kleingarten erfreut oder sogar für kleinstrukturierte Gemüsebaubetriebe wieder interessant wird. Bei Kulturarten mit zweijährigem Vermehrungszyklus wie z.B. Möhre, Rote Bete, Kohl und Zwiebel, die im zweiten Jahr Samen bilden, ist der Aufwand höher als bei den einjährigen Kulturarten wie z.B. Salat, Bohne und Erbse.

Alte Gemüsesorten anbauen

Im SaatGut-Erhalter-Netzwerk Ost arbeiten die Samenbau-Betriebe eng mit den Gemüsebaubetrieben zusammen. Alte Gemüsesorten, die von den Samenbau-Betrieben erhaltungszüchterisch bearbeitet und vermehrt wurden, werden im Anschluss von den Gemüsebau-Betrieben im SaatGut-Erhalter-Netzwerk Ost im Anbau und in der Vermarktung geprüft und begutachtet. Sie dokumentieren ihre Ergebnisse und geben den Samenbau-Betrieben Rückmeldung, wie sich die Sorten im Betrieb bewährt haben. Alte Gemüsesorten, die attraktiv für Gemüsebau-Betriebe sind, loben wir als „Repräsentanten der Vielfalt“ aus.

Ein Leitfaden zur Saatgutvermehrung ist hier zu finden.

Ein Leitfaden zur Qualitätsprüfung von on-farm erzeugtem Saatgut von verschiedenen Gemüsearten sowie Hinweise zur Saatgutlagerung gibt es hier.

Alte Gemüsesorten vermarkten

Die Samenbau-Betriebe übernehmen Verantwortung für die Sorten, die sie erhalten. Die Gemüsebau-Betriebe geben Rückmeldung zur Eignung der Sorten im Anbau auf ihrem jeweiligen Betrieb und formulieren ihren Bedarf an Sorten. Wir kennen uns schätzen uns, wir wissen, wie die anderen Betriebe arbeiten und sehen uns gemeinschaftlich für den Erhalt alter Sorten zuständig.

Durch die Erhaltung in den Samenbau- und Gemüsebau-Betrieben im SaatGut-Erhalter-Netzwerk Ost sind inzwischen mehrere hundert alte Gemüsesorten wieder außerhalb von Genbanken und Sammlungen für interessierte Selbstversorger-, Kleingärtner*innen- und auch Gemüsegärtner*innen verfügbar – als Saatgut, saisonale Jungpflanzen und zunehmend auch als Frischgemüse.

Saatgut von alten Gemüsesorten wird durch die Samenbau-Betriebe verkauft. Einige besonders attraktive alte Gemüsesorten werden durch Gemüsebau-Betriebe auf ihre Eignung für den ökologischen Erwerbsgemüsebau getestet, sodass das Saatgut ggf. zukünftig auch Erwerbs-Gärtnereien zur Verfügung stehen wird.

Alte Gemüsesorten als Frischgemüse werden durch die Gemüsebau-Betriebe vermarktet – entweder direkt im Hofladen, auf dem Wochenmarkt, in der Solidarischen Landwirtschaft oder im Bio-Lebensmitteleinzelhandel.

Hier gibt es eine Übersicht über alle Bezugsquellen von Saatgut, Jungpflanzen oder Frischgemüse der Netzwerk-Betriebe.

Die alten Radieschen-Sorten ‚Purple Plum‘ und ‚Certus‘ haben in der Anbauprüfung gut abgeschnitten und scheinen für den ökologischen Erwerbsanbau geeignet. Sie sind knackig in der Konsistenz, aromatisch und liefern einen ausreichenden Ertrag. Andere Sorten wie ‚Chrestensens Bicolor‘ wurden hingegen wieder aus dem Anbau genommen, da sie sehr schnell pelzig oder holzig wurden und geschmacklich nicht überzeugten. Das Saatgut der Radieschen ‚Purple Plum‘ gibt es zum Beispiel beim Samenbau-Betrieb der Keimzelle und beim VERN e.V. zu erwerben. Als Frischgemüse findet sich diese Radieschen-Sorte in der Saison z.B. im Hofladen der Domäne Dahlem wieder. Für die Vermarktung stehen den Betrieben Kommunikationsmaterialien zur Verfügung, die im Rahmen des Forschungsprojekts „ZenPGR“ entstanden sind. Außerdem wurde das Label „Sortenschätze“ für die Vermarktung der alten Gemüsesorten aus der gemeinsamen Erhaltungsarbeit des SaatGut-Erhalter-Netzwerk Ost entworfen.

Samenträger einer alten Salat-Sorte
Samenträger einer alten Lauch-Sorte
Samenträger einer alten Möhren-Sorte mit Fliegen als Bestäuber

Finanzierung der Erhaltungsarbeit alter Gemüsesorten

Es bedarf langjähriger erhaltungszüchterischer Arbeit, bis alte Gemüsesorten aus der Genbank wieder im Verkaufsregal landen können. In dieser Zeit erzielen die Züchter*innen der Erhaltungsorganisationen und Samenbau-Betriebe kein Einkommen mit der alten Gemüsesorte, die sie erhaltungszüchterisch bearbeiten. Darüber hinaus existieren bisher nur begrenzte Finanzierungsmöglichkeiten für die ökologische Züchtung im Allgemeinen und die Erhaltung alter Gemüsesorten im Speziellen. So wird die Züchtungsarbeit derzeit vor allem durch Stiftungen, Spenden oder Einnahmen aus anderen Betriebsbereichen finanziert und ist somit nicht langfristig gesichert.

Auch der Anbau von Frischgemüse alter Gemüsesorten ist oft mit einem geringeren Ertrag oder einem höheren Pflegeaufwand der Kulturen verbunden, sodass auch hier moderne Gemüsesorten den Anbau alter Sorten bisher querfinanzieren.

Es bedarf daher neuer weiterer Wege, um die Erhaltungsarbeit grundsätzlich nachhaltig zu finanzieren. Im Rahmen des Forschungsprojekts „ZenPGR“ untersucht die HNE Eberswalde bürgerschaftliche Finanzierungsmodelle zur Finanzierung der Erhaltungsarbeit. Die Ergebnisse werden Ende 2022 hier veröffentlicht.

Die erhaltungszüchterische Bearbeitung der Radieschen-Sorten durch den VERN e.V. und die Samenbau-Betriebe im SaatGut-Erhalter-Netzwerk Ost wurde im Rahmen des Forschungsprojekts „ZenPGR“ gefördert. Für die Fortführung suchen wir nach geeigneten Finanzierungsmöglichkeiten, zum Beispiel mit einer Spende oder einer Sortenpatenschaft.

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